Donnerstag, 26. Dezember 2013

..und wie war bei Ihnen / Euch Weihnachten??


Alle Jahre wieder…

 Noch sechsunddreizig Tage bis Weihnachten und die Diskus­sionen über den Kauf des Tannenbaums und das Festmenü an Heiligabend sind in vollem Gang. Dieses Jahr stellt sich die Frage für uns: „Künstlicher oder Naturbaum?“ Meine Tochter hatte die „netten“ Bemerkungen für mich: „Kauf doch einen Plastikbaum, denn wenn wir nicht mehr bei dir leben, haben wir vielleicht keine Zeit, dir einen Naturbaum zu besorgen. Außerdem bist du vielleicht mal so gehandicapt, dass es pflegeleichter für dich ist. „Erstens findet sich immer jemand, der mir einen schönen, kleinen natürlichen Baum bringen wird“, antwortete ich, „und zweitens wird der Zustand der absoluten Hilflosigkeit hoffentlich nie eintreffen, liebe Tochter“. Ich lasse die Worte an mir abprallen und werde mich mit dem Thema höchstpersönlich und alleine die nächste Woche im Baumarkt auseinandersetzen.
 
Das Schmücken des Tannenbaums zwei Tage vor Heiligabend war schnell gelöst, denn ein Jahr schmücke ich den Baum und das darauffolgende Jahr meine Kinder. In meiner Kindheit schmückte man den Baum schon zwei Tage vorher nach französi­scher Tradition und überhaupt hatte nur meine Mutter das große Privileg. Zum Glück habe ich dieses Jahr die Ehre und kann mich mit meinen traditionellen roten Kugeln und den Holzfiguren austoben. Kein Lametta!

Das Aufstellen des Tannenbaums oder „O Tannenbaum“!

 Da kann ich ein Lied singen, nicht nur von künstlichen Baum­diskussionen. Der Ort des Geschehens bzw. die Aufführung findet alljährlich im Wohnzimmer statt, nachdem der Kauf und der Transport schon ein Kraftakt war. Zwei Wochen lang steht er in einem mit Wasser befüllten Eimer auf dem Balkon und die Temperaturen sind unter dem Nullpunkt. Wie jedes Jahr koche ich heißes Wasser, um den Baum aus dem Eimer zu bekommen und zerschlage das Eis mit einer Axt. Und jedes Mal schwöre ich mir, den Baum rechtzeitig vor dem Gefrieren in Sicherheit zu bringen. Vergebens, das Jahr ist zu lang!

Zurück ins Wohnzimmer. Die Kinder sind nun kräftig genug um mit anzupacken, und doch gelingt es uns nie, den Baum so mit den Flügelschrauben zu fixieren, dass er senkrecht im Ständer steht. Wir tänzeln um den Tannenbaum, unsere Stimmen werden lauter und emotionaler und die Frage stellt sich, wer wohl der Schuldige war und es gibt einen neuen Versuch. Der dritte Anlauf gelingt immer! Im Hintergrund läuft „O du fröhliche“ und wir sinken fix und fertig, aber zufrieden, ein wenig erhitzt auf die Coach. „O Tannenbaum“, wie schön sind deine Blätter!“ Das Ende des Lieds? Dasselbe wie damals: Die ganze Familie sitzt entkräftet, aber zufrieden im Wohnzimmer und lacht.

 Weihnachten ist nicht nur das Fest der Liebe, sondern auch das Fest der Krisen. Auslöser sind oft zu hohe Ansprüche, zu viele Pläne, unterschiedliche Ansichten und der Druck, dass alles perfekt sein muss. Auf Knopfdruck soll Besinnlichkeit, Entspannung und Freude aufkommen. Aber was das ganze Jahr über nicht funktioniert, klappt an Weihnachten noch weniger. Also weg vom Perfektionismus und dem selbst auferlegten Erfolgs-druck. Es muss nicht alles reibungslos funktionieren und manche Missgeschicke lassen sich einfach weg lachen. Einerseits ist alles ganz einfach, wenn da nur nicht das Anderseits wäre.

 
Am meisten liebe ich die Adventszeit, sie ist unbeschwert und harmonisch mit den Kindern. Wir durchstöbern schon Mitte November die Backbücher und jeder darf sich seine Lieblings-plätzchen wünschen. Vor dem ersten Advent backen wir das erste Mal, meine Tochter und ich mit vehementer Standhaftigkeit, mein Sohn klinkt sich aufgrund verstärkter Frauenpräsenz frühzeitig aus. Ich denke, eher aus Faulheit. Alle Jahre gibt es Spritzgebäck, verarbeitet mit dem uralten Fleischwolf meiner Oma. Kindheitserinnerungen erwachen in mir. Die Vorfreude auf das Christkind, meine Oma, der Duft der Adventszeit und Weihnachtsgeschichten, die ich als Kind von einer Nachbarin erzählt bekam. Zurück zum Gebäck. An Kalorien darf ich gar nicht denken, denn kurz vor Weihnachten nasche ich alleine aus der großen Keksdose, die Kinder sind Gebäck müde und denken an Ostern.
 

Wünsche für Geschenke werden schon im September von meiner Mutter geäußert, in einem Monat, wo Weihnachten für mich wie ein Fremdwort klingt. Sie ist jedes Jahr die Erste, der ich ein Geschenk kaufe. Praktisch, denn das Bank-guthaben ist noch im schwarzen Bereich. In diesem Jahr schreibt mein Sohn zum ersten Mal keinen Wunschzettel mehr. Bei meiner noch so bettelnden Frage „Glaubst du wirklich nicht mehr an das Christkind?“, schüttelt er mitleidig über mich den Kopf. Er ist nun auch „erwachsen“ geworden. Noch letztes Jahr haben wir abends seinen Wunschzettel mit einer Kerze vors Fenster gestellt und am nächsten Morgen war er weg. Das Christkind hat alle Zettel der Kinder in der Nacht eingesammelt. Wie wunderbar haben die Augen meiner zwei Liebsten gestrahlt. Und meine auch.

 Der Wunsch nach Harmonie ist gerade an Weihnachten besonders stark ausgeprägt. Doch dabei erreicht man oft das Gegenteil. Auch während der Feiertage sollte sich jeder zurückziehen dürfen, der seine Ruhe haben möchte. Man muss nicht immer alles zusammen machen. Wenn man spürt, dass man zu sehr aufeinander hängt, tut ein kleiner Spaziergang gut. Man geht Soff aus dem Weg und verdaut gleichzeitig das viele gute Essen.
 
Wann wo gefeiert wird, bietet alle Jahre wieder Anlass zu Diskussionen. Ebenso wenn es um das Menü der Festtage geht. In meiner Familie wird im Wechsel gefeiert, einmal bei uns Drei und das nächste Jahr bei meinen Eltern. Weihnachten ist eben auch das Fest der Kompromisse. Und zum ersten Mal diskutierten wir nicht tagelang den Menüplan rauf und runter, sondern ich entscheide das Heiligabendmenü, da bei uns gefeiert wird und meine Mutter bekocht uns am ersten Feiertag nach ihren Ideen. Am zweiten Feiertag müssen meine Kinder zu ihrem Vater, der Staat sieht es so vor.

 Jedes Jahr kommt Weihnachten für viele Menschen plötzlich und überraschend und Hektik bricht aus. Viele haben ja am 23. Dezember noch nicht alle Geschenke und raufen sich die Haare. Nun, ich lehne mich gelassen zurück, wir schreiben den 4. Dezember und ich habe alle Geschenke beisammen, die Zimmer sind weihnachtlich dekoriert und fast alle Plätzchen gebacken. Aber in der Stadt treffe ich ständig auf bekannte Gesichter, die mich verstört und ratsuchend anschauen. Anscheinend sind die Wünsche zu ausgefallen oder die Schenkenden sind fantasielos.
 
Weihnachten ist auch das Fest der Rituale. An Heiligabend wird ausgeschlafen, denn der Kühlschrank ist voll, nur das frische Baguette muss noch besorgt werden. Traditionell gibt es zum Mittagessen eine selbstgemachte Nudelsuppe und wir schauen uns „Drei Nüsse für Aschenbrödel“ an. Ein kleiner Spaziergang um den Block und dann ab ins Bad, um sich festlich raus zu putzen. Gegen Abend, wenn es dämmert die Bescherung und anschließend unser Festmenü, um gegen 22.00 Uhr gemeinsam zur Christmette zu gehen. Meine beiden Kinder dienen in der Messe und sind zu Hause reif fürs Bett.
 

Und alle Jahre wieder, sitze ich dann alleine mit einem Glas Wein oder Sekt samt Plätzchen vorm Tannenbaum, höre mir alleine „Stille Nacht“ an und der Vorweihnachtsstress fällt von mir ab!

 

24. Dezember 2010

 

Die Weihnachtskarte meiner Tochter entschädigt mich für vieles:

Liebe Mama,
 
ich wünsche dir ein

frohes Fest und

viele Geschenke!
 

Liebe, Schnee und Gebäck,

hat das Christkind für dich im Gepäck.

 
Deine Sarah.
 
copyright Caroline Régnard-Mayer
 
"Alle Jahre wieder." ist ein Kapitel aus meinem Buch: "Frauenpower trotz MS" Ich trete aus dem Schatten.
ISBN: 978-3-348-26425-4 Verlag BOD, ab dem Frühjahr 2014 mit neuer ISBN im Fraumstunden Verlag Essen.

 
Foto copyright C.Régnard-Mayer